Entlang der Donau

West-Ost-Tour

Von der Quelle bis zum Schwarzen Meer folgen wir mit dem Wohnmobil der Donau auf 2888 Kilometern durch zehn Länder. Von einem unscheinbaren Rinnsal im Schwarzwald bis zum mächtigen Delta in Rumänien verändert sich dabei der Fluss. Per Kajak, Bike, am Klettersteig und zu Fuss erleben wir faszinierende Landschaften, dunkle Geschichte und herzliche Begegnungen. Eine Reise entlang Europas blauer Lebensader, die zeigt: Der Kontinent ist von West nach Ost mindestens so vielfältig wie von Süd nach Nord.

Reiseroute entlang der Donau.
Reiseroute entlang der Donau.

Es sind schon einige Tage ins Land gezogen, seit wir mit unserem Camper von Tarifa in Südspanien in 180 Tagen durch 18 Länder zum Nordkap in Norwegen hochgereist sind. Die Erinnerungen sind geblieben. Die Sehnsucht nach neuen Erlebnissen auch. Europa ist viel zu schön und zu vielfältig, um nicht entdeckt zu werden. So haben wir uns entschieden, den Kontinent auch noch von West nach Ost zu erkunden. Die Strecke vom westlichsten Punkt in Portugal bis in die Schweiz kennen wir aus früheren Reisen, und so scheint uns die Donau-Variante als ideale West-Ost-Lösung. Gemächlich und doch stetig folgen wir dem Rhythmus des Stromes und geben uns den spannenden Geschichten und Begegnungen hin. Die faszinierenden Landschaften erkunden wir mit dem Camper, dem Mountainbike, dem Kajak, am Klettersteig oder zu Fuss – immer dem roten Faden oder eben der blauen Linie der Donau entlang.

Streit um «Quellrecht» 
Im Gegensatz zu unserem X-Europe-Projekt ist die Anreise zum Ausgangspunkt beziehungsweise zur Quelle im Schwarzwald sozusagen ein Katzensprung. Wo genau die Donau entspringt, ist seit jeher umstritten. Landläufig gilt Donaueschingen als «Wiege» der Donau, weil dort die beiden Bäche Brigach und Breg zusammenfliessen und sich zur Donau vereinen. Nicht umsonst lautet ein Sprichwort: «Brigach und Breg bringen die Donau zuweg». Eine eigentliche Quelle gibt es in Donaueschingen allerdings nicht. So erachten viele die Bregquelle als wirklichen Ursprung der Donau. Diese befindet sich gut 30 Kilometer nordwestlich von Donaueschingen in der Nähe von Furtwangen bei der Martinskapelle auf gut 1000 Metern über Meer. Dort lautet das untermauernde Sprichwort halt ganz einfach: «Die Breg bringt die Donau zuweg.» Wie dem auch sei, im Rahmen unseres Projektes entscheiden wir uns natürlich für die «Mutter» aller Donauquellvarianten bei der Martinskapelle. Von dort aus wird die Flusslänge bis zur Mündung am Schwarzen Meer mit 2888 Kilometer beziffert, von Donaueschingen aus mit 2857 Kilometer. Die Donau ist nach der Wolga damit nicht nur der zweitlängste Fluss Europas, sondern auch der einzige grössere, der von West nach Ost fliesst, zehn Länder tangiert und vier Hauptstädte verbindet.

Ein Fluss, zwei Meere 
Wir parkieren den Camper beim Quellhotel Kolmenhof, welches ein paar hauseigene Stellplätze anbietet. Von hier aus kann die etwas kitschig anmutende Danuvius-Statue, die symbolisch über der Bregquelle thront, in wenigen Gehminuten zu Fuss erreicht werden. Kaum vorstellbar, dass das kleine Rinnsal Wasser knapp 3000 Kilometer weiter östlich irgendwann ins Schwarze Meer fliesst. Wir bringen unsere Fotos und Videos in den Kasten, übernachten auf besagtem Stellplatz und fahren am nächsten Tag nach Donaueschingen zur richtigen oder eben falschen Quelle der Donau. In einer parkähnlichen Anlage manifestiert ein grosses Loch mit kristallklarem Wasser den Ursprung der Donau. Im Gegensatz zur Bregquelle tummeln sich hier deutlich mehr Besucher um das Quellloch. Auch hier dokumentieren wir unseren Start oder eben Restart mit Bildmaterial und genehmigen uns anschliessend im schmucken Städtchen einen Kaffee und Gipfeli. Der nächste Höhepunkt wartet kurz vor Tuttlingen bei Immendingen: die Donauversickerung. Dabei handelt es sich um ein weltweit einzigartiges Phänomen. Ein Grossteil der Donau fliesst nämlich nicht ins Schwarze Meer, sondern in den Rhein und damit in die Nordsee. Bei Donaueschingen standen wir soeben noch an der munter plätschernden jungen Donau und nun plötzlich in einem staubtrockenen Bachbett. Wie kann das sein? Wo ist das Wasser hin? Bei Niedrigwasser versickert die komplette Donau im karstigen Untergrund und kommt erst rund 15 Kilometer südöstlich im sogenannten «Achtopf» wieder zum Vorschein. Weil dazwischen eine kontinentale Wetterscheide liegt, fliesst das Wasser des Achtopfs in den Rhein und damit in die Nordsee. Nur wenn die Donau genügend Wasser führt, schafft es ein Teil davon über die karstigen Stellen in Richtung Schwarzes Meer. Die Donau ist damit weltweit der einzige Fluss, der sozusagen in zwei Meere fliesst. Wir folgen aber nicht dem Rhein, sondern der Donau.

Wer hats erfunden? 
Im Oberen Donautal planen wir ein paar Tage Zwischenhalt ein. Von der Ölmüle in Thiergarten (Stellplatz) aus unternehmen wir eine Tageswanderung über die schroffen Felsformationen entlang des Donauufers. Mystische Wälder, saftige Blumenwiesen, atemberaubende Ausblicke und verschiedene Burgen bilden eine abwechslungsreiche Kulisse. Nicht weniger spektakulär geht es im nahegelegenen Sigmaringen weiter, wo wir auf einer Wanderung die Teufelsbrücke überqueren. Die Geschichte weist auffällige Parallelen zu «unserer» Brücke über die Schöllenenschlucht auf – hier wurde dem Teufel für seine Hilfe an den schwierigen Bauarbeiten allerdings kein Ziegenbock, sondern ein Hund geopfert. Auf einem Felsen oberhalb von Sigmaringen thront das imposante Schloss Hohenzollern. Dieses wird heute noch teilweise von der Adelsfamilie Hohenzollern bewohnt und ist Sitz der Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern. Ein Teil der Räumlichkeiten steht den Besuchern zur Besichtigung offen.

Paradoxer Höhenrekord 
Kurz vor Ulm schwenken wir nach Blaubeuren ab. Wir möchten uns vergewissern, ob der Blautopf effektiv so blau ist, dass er es mit den türkisblauen Bergseen aufnehmen kann. Wir müssen gestehen: Nomen est omen trifft hier tatsächlich zu. Selbst ohne Sonnenlicht präsentiert sich das Quellloch der «Blau» in fast schon kitschigem Türkis. Im Innern des Lochs befindet sich ein umfangreiches Höhlensystem mit Kavernen und Gängen, welches von Tauchern noch nicht abschliessend erkundet wurde. Wir erkunden aber nicht den Quellgrund, sondern das schmucke Städtchen Blaubeuren mit dem dazugehörenden Kloster. Die Blau fliesst bei Ulm, wo wir als Nächstes hinwollen, in die Donau. Schon von Weitem ist der Turm des weltbekannten Münsters zu erkennen. Dieser ist mit einer Höhe von 161,53 Meter der höchste Kirchturm der Welt. Noch. Anlässlich des 100. Todestages von Gaudi im nächsten Jahr soll die Sagrada Familia in Barcelona auf der Turmspitze ein Kreuz erhalten, mit welchem diese rund 10 Meter höher ist als der Turm in Ulm und ihm damit den Weltrekord abknöpfen wird. Ironie des Schicksals: Das gläserne «Gipfelkreuz» in Barcelona wird von einer deutschen Firma in Gundelfingen, keine 40 Kilometer vom Ulm entfernt, produziert. Beim Besteigen des Kirchturms sind wir froh, dass dieser nicht noch höher ist. Der steile Zustieg über schmale Wendeltreppen und 540 Stufen hinauf auf 102 Meter reicht uns vollends aus. Wir wissen nicht, ob das Treppensteigen oder die schwindelerregende Sicht auf die Donau und die winzig scheinenden Häuser Schuld an den weichen Knien trägt. Ulm ist auch bekannt für das Rathaus mit seiner Astronomischen Uhr, das Schiefe Haus oder das Fischerviertel. Und für seine Einwegboote. Die «Ulmer Schachteln» dienten in vergangenen Jahrhunderten Auswanderern dazu, sich Hunderte Kilometer flussabwärts im heutigen Ungarn, Serbien, Bulgarien oder Rumänien niederzulassen und eine neue Zukunft aufzubauen. Dort gibt es heute noch ganze Siedlungen von ehemaligen «Donauschwaben». Auf deren Spuren wollen wir uns in den kommenden Wochen machen. Aber nicht mit einer «Schachtel», sondern mit unserem Camper.

Der komplette Reisebericht ist im Magazin WOHNMOBIL & CARAVAN Ausgabe 5/26 zu lesen.

Text und Fotos: Marco Schnell
aus dem Magazin: Wohnmobil und Caravan, Zeitschrift Nr. 5/2026

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