Unsere 780 Kilometer lange Route quer durch Deutschland, von Mannheim nach Bayreuth, quillt über vor mittelalterlichem Prunk und protzt mit Barock. Eingebettet in die lieblichen Flusslandschaften von Neckar, Kocher und Tauber schlängelt sich die Tour durch Flussauen und Moore, zwischen Weinbergen und den bizarren Felsgipfeln der Fränkischen Schweiz hindurch – stets die nächste Burg im Visier. Mehr Burg geht nicht.



























Die 1954 entstandene Route zählt zu den ältesten Ferienstrassen Deutschlands. Die vorbildlich ausgeschilderte Route der «Burgenstrasse» verbindet auf 780 herrlichen Kilometern Landstrassen und spärlich frequentierten Nebenstrassen zwischen Mannheim und Bayreuth – führt also quer durch die Republik. Über 60 Burgen und Schlösser, häufig UNESCO-Weltkulturerbe, eine unglaubliche Landschaftsvielfalt vom burgengesäumten Neckartal, über Auen, Felder und Moore zu den steil aufragenden Gipfeln des Frankenjura, verleihen dieser Route das Prädikat Traumtour. Die perfekte Struktur aus Gasthäusern, Restaurants und Campingplätzen beschert obendrein die Kirsche auf der Torte.
Allein im Heidelberger Schlossgarten «Hortus Palatinus», dem Pfälzer Garten, liesse sich tagelang lustwandeln. Der Tiefblick von dort oben auf den Neckar und die Karl-Theodor-Brücke mit ihren neun Bögen, den prächtigen Toren und Statuen erzeugen Gänsehaut. Millionen Gäste aus aller Herren Länder können nicht irren. «Die Stadt in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung hat, man darf sagen, etwas Ideales», resümierte der Dichterfürst J. W. von Goethe schon 1797. Der stets reimende und selten verneinende Schwerenöter Goethe traf sich dort im Alter von 65 Jahren regelmässig mit seiner letzten grossen Liebe und Musse, der Dichterin Marianne vom Willemer, auf der Scheffelterrasse. «Ihre gemeinsame dichterische Leidenschaft inspirierte sie gegenseitig zu Versen, die Goethe in den ‹West-östlichen Divan› aufnahm. Zur Erinnerung an die Beziehung der Liebenden liess man 1919 im hinteren Schlosspark eine Bank aus Muschelkalk aufstellen. Der Wiedehopf im Zentrum der Bank gilt im Orient als Liebesbote», wie sich dank einer Tafel daneben erfahren lässt.
Mark Twain betrachtete Heidelberg im 19. Jahrhundert etwas gestelzt als «äusserste Möglichkeit des Schönen». Heidelberg, das seit dem 18. Jahrhundert als Inbegriff der Romantik gilt, wäre allein schon die Reise wert. Leider haben wir hier nur einen Nachmittag. Denn bei über 60 Burgen und schier unzähligen Sehenswürdigkeiten in den schönsten mittelalterlichen Altstädten Deutschlands, von charismatischen Gasthäusern und überwältigend schönen Landschaften mal abgesehen, sind zehn Tage für die veranschlagten 780 Kilometer zwischen Mannheim und Bayreuth keineswegs zu lang. Nur gut, dass es Mitte Juni bis 21 Uhr hell bleibt. Wir müssen uns also sputen. Eine Stippvisite im weltberühmten Studentenkarzer der ältesten Universität Deutschlands muss allerdings drin sein. Die Graffitis in sechs komplett ausgemalten Räumen, vor allem der Oktopus mit der polizeilichen Pickelhaube, der die trunkenen Studenten einsammelt, sind sehenswert. Direkt dahinter schliesst sich die alte Aula der Universität an, die 1886 anlässlich des 500-jährigen Bestehens der ältesten Universität Deutschlands eingerichtet wurde. Wir kommen gerade rechtzeitig zu einer Führung des Kunsthistorikers Herrn Grabolle, der seinerzeit hier studierte. «Der Grossherzog Friedrich von Baden liess diesen Prachtsaal im Stile der Neorenaissance einrichten und orientierte sich dabei an den Malereien Raffaels für den Vatikan. In der Aula sehen wir meisterhafte Wandgemälde und Deckenfresken mit allegorischen Damenfiguren wie beispielsweise für die Theologie mit Bibel und den zehn Geboten, Jura, Medizin, Philosophie und den freien Künsten – den Gründungsfakultäten der Universität Heidelberg. Heute prägen über 35 000 Studenten das Stadtbild, und die Universität geniesst weltweit Exzellenz-Status.»
Zurück an der Karl-Theodor-Brücke bricht vor dem Heidelberger Brückenaffen eine regelrechte Selfie-Mania aus. Die moderne Bronzeskulptur von Gernot Rumpf, 1979 neben dem Brückentor der alten Brücke enthüllt, gilt heute als eine der Hauptsehenswürdigkeiten Heidelbergs. Sie greift ein Motiv auf, das tief in der Stadtgeschichte verwurzelt ist. Schon im Mittelalter befand sich am Nordturm der Brücke ein Affenrelief, das den Vorübergehenden einen Spiegel vorhielt. Mit dem Griff an sein blankes Hinterteil zeigte der Affe jedem Vorbeigehenden den «Kurpfälzischen Gruss». Sein Hinterteil war in Richtung Kurmainz gerichtet und sollte den Mainzer Bischöfen demonstrieren, dass ab hier die Macht des Kurfürsten galt. Der Spiegel in der Hand soll zur kritischen Selbstreflexion anregen – eine deutliche Mahnung an alle Reisenden, Eitelkeit und Torheit ausserhalb der Stadt zu belassen. Neben dem Affen befindet sich auch heute noch das Gedicht von Martin Zeiller (1589–1661), das bereits im 17. Jahrhundert neben der Statue geschrieben stand: «Was thustu mich hie angaffen? Hastu nicht gesehen den alten Affen Zu Heydelberg / sich dich hin und her / Da findestu wol meines gleichen mehr.»
Eigentlich waren wir nur beim Startschuss im Schloss Mannheim, immerhin der zweitgrössten Barockresidenz Europas, kurz im Plansoll. Das hessische Versailles mit seinen Schaufassaden und dem prächtigen Rittersaal liess uns bereits ehrfurchtsvoll staunen. Keine 20 Kilometer später rollten wir über den Schlossplatz und die mit Platanen gesäumte «Champs Élysée» Schwetzingens zum nächsten Schloss. Auch hier ist der Eintritt in den Schlossgarten jeden Cent wert. Der kunstsinnige Kurfürst Carl Theodor, dem die Kurpfalz eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit zu verdanken hat, liess die Anlage im 18. Jahrhundert mit maximaler geometrischer Harmonie errichten. Zusätzliche Tempel feiern die antiken Gottheiten Apoll, Minerva und Merkur. Die weitläufige Augenweide brachte unseren Zeitplan schon in Bedrängnis. Und nach einem kurzen Abstecher in das einzigartige Museum «Blau» in einem Handwerkergebäude aus dem 19. Jahrhundert in der Hebelstrasse einquartiert, zeigte uns die Uhr bereits ihre Zähne. Doch die blaue Welt aus Wasser, Himmel, Azulejos, Jeans, Kapitän Blaubär und den Schlümpfen beseelte uns regelrecht für die weiteren Kilometer. Darum: Ade Heidelberg und links des Neckars mal ein paar Kilometer machen. Doch nach jeder Neckarschleife ragt eine weitere Trutzburg in die Höhe: die Ruinen Schadeck, Hinterburg, Mittelburg, Vorderburg.
Der komplette Reisebericht ist im Magazin WOHNMOBIL & CARAVAN Ausgabe 1/26 zu lesen.
Text und Fotos: Norbert Eisele-Hein
aus dem Magazin: Wohnmobil und Caravan, Zeitschrift Nr. 1/2026